In Köln gehören Kirche und Karneval untrennbar zusammen. Daher holt sich auch das Kölner Dreigestirn in jedem Jahr für eine gelingende Session den Segen von ganz oben im Kölner Dom ab. Und mit ihm mehrere tausend Jecken.

11. Januar 2019 Beatrice Tomasetti
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Festkomiteespräsident Christoph Kuckelkorn entzündet mit dem Kinderdreigestirn die Sessionskerze.

Gänsehaut habe sie gehabt, als die vielen Standartenträger eingezogen seien, schildert Prinzessin Natascha I. ihre Eindrücke. Einfach überwältigt sei sie gewesen. Und die Predigt von Kardinal Woelki – total klasse! „Die Atmosphäre hat mich umgehauen. Ein gigantisches Ambiente“, pflichtet ihr Dennis I. bei. Das Prinzenpaar vom Heimatverein „Postalia Langenfeld“ hatte sich spontan entschieden, am Karnevalistengottesdienst im Kölner Dom teilzunehmen. Nun zeigt es sich begeistert von der „Balance aus Andacht und Frohsinn, Gebet und kölschen Liedern“. Sie hätten es sich trockener vorgestellt. Schließlich seien ihnen die üblichen Mundart-Messen in ihrer Heimatgemeinde vertraut. Aber ein Gottesdienst wie dieser übertreffe alle Erwartungen, schwärmt das Paar in seiner blau-gelb gehaltenen Festrobe von der außergewöhnlichen Stimmung im Dom. Im nächsten Jahr seien sie in jedem Fall wieder mit dabei.

Dombesuch im vollen Ornat

„Dombesuch im vollen Ornat“ – das sei doch selbstverständlich gewesen, sagt auch Ralf Levering vom Vorstand der Karnevalsgesellschaft Rot-Weiß Stürzelberg, der mit dem ersten Damendreigestirn in der Geschichte der KG – Prinz Sandra, Bauer Andrea und Jungfrau Jessy – eigens aus der Nähe von Dormagen nach Köln gekommen ist. „Würdevoll“ sei alles gewesen, findet der Katholik. Trotz der für einen Gottesdienst eher ungewohnten Karnevalsmusik zwischendurch sei es zu keinem Zeitpunkt gekippt – eher im Gegenteil: Die Feier habe auch ernste Aspekte gehabt und manchen Impuls zum Nachdenken geliefert. Überhaupt der Dom und das ganze Drumherum – „die Mischung macht’s“, meint Levering.

Darin genau besteht in jedem Jahr die Kunst für alle Verantwortlichen: aus einem ökumenischen Wortgottesdienst in Kölns Kathedrale keine Sitzung zu machen. Und dennoch haben karnevalistische Elemente in dieser Andacht, zu der traditionell die katholische und evangelische Kirche gemeinsam einladen, auch ihren Platz. Schmunzeln, schunkeln zum Kölsch-Klassiker „Am Dom zo Kölle“ oder applaudieren bei einer besonders guten Pointe – das gehört einfach mit dazu und sorgt für eine ganz eigene Heiterkeit, die diesem alljährlichen Gipfeltreffen der mehreren tausend Jecken im Vorfeld der Sessionseröffnung eine besondere Note gibt.

Kinderdreigestirn gestaltet Karnevalskerze

Dazu gehören bestimmte Rituale: allen voran das Segnen und Entzünden der Sessionskerze, deren Symbole das Kinderdreigestirn – Prinz Linus I., Bauer Adrian und Jungfrau Philippa – Gastgeber Rainer Maria Kardinal Woelki genau erläutert und die bis Aschermittwoch am Dreikönigenschrein brennen wird. Anschaulich greift die kunstvoll gestaltete Kerze das Sessionsmotto „Uns Sproch es Heimat“ auf, das nicht nur zu Köln passe, wie die drei erklären. sondern auch zum Kölner Dom. Schließlich seien hier kleine und große Menschen aus allen Ländern herzlich willkommen. „Gott mag alle Menschen, egal welche Sprache sie sprechen.“

Lappenclown-Stola für Kardinal Woelki

Als Dank für die in der nächsten Woche anstehende Pilgerreise des Kölner Dreigestirns nach Rom, wo es gemeinsam mit Kardinal Woelki bei der Generalaudienz mit Papst Franziskus dem katholischen Kirchenoberhaupt begegnen wird, überreicht Christoph Kuckelkorn, Präsident des Festkomitees Kölner Karneval, dem Kölner Erzbischof eine Stola. Während die eine Seite dieser kunstvollen Handarbeit mit ihren vielen bunten Quadraten nur scheinbare Ähnlichkeiten zum Richter-Fenster aufweise, in Wirklichkeit aber dem Kölner Lappenclown nachempfunden sei, wie Kuckelkorn augenzwinkernd betont, ist die andere Seite mit dem „Vater unser“ auf kölsch bestickt.

Ein zweites Exemplar dieses Unikats sei als Gastgeschenk für den Heiligen Vater gedacht, erklärt er. Sichtlich angetan von dieser originellen Idee, verspricht Woelki, die Stola nicht nur beim Karnevalsgottesdienst zu tragen.

Mitschnitt des Karnevalistengottesdienstes

Kölsche Leckereien und ein Pittermännchen

Aber auch für Köln typische Gaben – eine Narrenkappe, der Motto-Schal, ein Gebetbuch mit dem Titel „Dem Här zo Ihre“, ein Korb mit Leckereien und auch ein Pittermännchen, das für besonders amüsiertes Raunen im Dom sorgt, werden dem Kölner Erzbischof von einer Gruppe Nachwuchskarnevalisten überreicht. Das Kölsch-Fässchen reiche er gerne in die Domsakristei weiter, sagt Woelki lachend und hält einmal für alle gut sichtbar das Pittermännchen in die Höhe, während der Korb mit den Delikatessen an die Kölner Obdachlosenunterkunft „Notel“ gehe.

Woelki predigt mit Humor

Zuvor hatte der Kardinal mit viel Sinn für Humor in seiner Predigt die für einen Karnevalisten typische Trinkfreudigkeit aufs Korn genommen und zunächst Parallelen zum soeben gehörten Bericht über das erste Pfingstfest im damaligen Jerusalem hergestellt. „Ganz ausschließen wird man das natürlich an Karneval nicht können, dass da jemand voll des süßen Weines ist“, beginnt er seine Ausführungen schmunzelnd, um dann festzustellen, dass das lokale Nationalgetränk dann doch nicht Wein, sondern eher ein Kölsch sei; ein Begriff, der zugleich die Sprache der Kölner bezeichne, wie er sagt.

Kölsch – der Dialekt Gottes?

Woelki greift auch das Sessionsmotto auf und führt aus, wie wichtig es in vielen Kontexten sei, bildlich dieselbe Sprache zu sprechen und damit auf einer Wellenlänge miteinander zu sein. „Ja, wir Kölschen, wir können so gut miteinander, dass wir sogar davon überzeugt sind, dass selbst der liebe Gott gut mit uns kann“, so der Kardinal wörtlich. Schließlich habe Gott bei der Vergabe der Dialekte am neunten Tag, zitiert er ein Bonmots, zunächst für den Kölner keinen mehr übrig gehabt, ihn aber dann getröstet und gesagt: „Du sprichst jetzt so wie ich.“

Manches Karnevalslied könnte auch Kirchenlied sein

Unter einsetzendem Applaus folgert Woelki dann: „Liebe Schwestern und Brüder, genau so ist das! Das tun wir seitdem.“ Und er fügt hinzu: Auf kölsch seien dann Lieder entstanden, „die das Zeug haben, wahre Kirchenlieder zu sein“.

Es seien Lieder, so Woelki weiter, die das Beste im Menschen hervorkehrten; Lieder, die von der Gemeinschaft der Menschen und ihrer Fähigkeit, Heimat zu schenken, erzählten. Lieder wie das der Bläck Fööss vom „Stammbaum“, die „wir getrost zum Himmel aufsteigen lassen dürfen“.  Ernster fügte der Kardinal hinzu: Dieselbe Wellenlänge zu haben bedeute, sich gegenseitig als Kölnerinnen und Kölner anzunehmen, doch – bei allem kölschen Selbstbewusstsein – auch anzuerkennen, dass Gott noch einmal „eine ganz andere Nummer sei: größer als der Dom und auch die schönste Stadt der Welt, die Heimatstadt der Karnevalisten: Köln. Die Menschen damals in Jerusalem hätten einander trotz unterschiedlichster Muttersprachen nur verstehen können, „weil sie die Sprache sprechen, die Gott ihnen geschenkt hat: die Sprache des Heiligen Geistes“, in der Gott an erster Stelle stehe. Nur wo Gott an erster Stelle stehe, wo ihm Anbetung, Ehrfurcht und Gehorsam zugedacht würden, da bekomme dann auch der Mensch das, was ihm gebühre: Gerechtigkeit, die unabdingbare Achtung der Würde eines jeden Menschen und Solidarität.

Gottes Sprache ist die Sprache der Mitmenschlichkeit und der Solidarität

Wo es gelinge, nicht das eigene Ich zum Maßstab zu machen, verstünden sich Menschen auch ohne Worte. „Denn das ist die Sprache des Geistes Gottes, das ist die Sprache des Herzens“, die auch in Köln mit seinen 180 verschiedenen Sprachen unabhängig von seiner nationalen oder regionalen Färbung jeder verstehe, sagt Woelki.

„Gottes Sprache ist die Sprache der Mitmenschlichkeit und der Solidarität. Es ist eine Sprache, die Unterschiede respektiert, aber keine Unterscheide macht. Es ist die Sprache, die Menschen Heimat gibt, ganz gleich, wo auf dieser Welt sie sich gerade befinden, wo sie stranden oder wo sie zurückgewiesen werden.“ Und diese Sprache, die wirklich auch jeder ohne Worte verstehe, müsse – wie auch die kölsche Sprache – weitergegeben werden, mahnt der Kardinal. Denn sie bedeute, sich für andere stark zu machen, ihnen ein Herz zu schenken, Kindern und Jugendlichen Perspektiven zu eröffnen, sich für mehr gesellschaftliche Fairness einzusetzen sowie alte, einsame und trauernde Menschen ins Leben zurückzuholen. Als Kölner eine solche Haltung einzunehmen bedeute, Gott zu verstehen. So verstanden sei Kölsch die Sprache des lieben Gottes.

Kollekte für Jugendeinrichtung

Die Kollekte des Gottesdienstes mit den Karnevalisten geht in diesem Jahr an die Titelkirche von Kardinal Woelki, San Giovanni Maria Vianney in Rom. Mit dem Geld wird die dortige Jugendfreizeiteinrichtung umgebaut und erweitert.