Sprachkritik ist Fremdkritik

Sprachkritik ist - und auch das sollte zu denken geben - stets Fremdkritik

Wissenschaft trifft Schule – Prof. Dr. Rudi Keller sprach bereits vor längerer Zeit vor Schülerinnen am Erzb. Gymnasium Marienberg.

 

 

 

Sprachkritik sei – und auch das sollte zu denken geben – stets Fremdkritik, Kritik am Sprachgebrauch der anderen.

 

Sprachkultur ist keine nationale Eigenschaft, denn die Sprache ist einem ständigen Wandel unterzogen, der sich nicht auf eine Nationalität begrenzen lässt. Es ist nicht zu leugnen, dass die lateinische Sprache großen Einfluss auf die germanischen Sprachen genommen hat und die germanischen Sprachen das Lateinische beeinflussten. Zwei unterschiedliche Sprachstämme, die sich selbstverständlich gegenseitig beeinflussten.

 

Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Rudi Keller sprach vor Schülern über den so genannten Sprachverfall.

 

Man könne glauben, sie habe einen an der Waffel, so Keller beim Vortrag, über die Dame,die sagte, hätte sie nur das Mehl , dann büke sie das Brot.

 

Starke Verben seien auf dem Rückzug und anstelle der Vergangenheitsform „ buk“ , verwendete man längst die regelmäßige Form „backte“ . Es ließe sich deshalb noch kaum nachvollziehen, dass der Begriff Verschrobensein sich von dem Verb schrauben herleitet, dessen Vergangenheitsform einst schrob lautete.

Die Beispiele ließen sich beliebig fortführen. Einst molk man die Kuh, es boll der Hund und man frug den Nachbarn.

Sprachwandel sei eine normale Entwicklung und der systematische Fehler von heute sei die Regel von morgen. Sprachwandel impliziere die Innovation, deren Grenzen sich allerdings mit dem Sprung in den Rhein verdeutlichen ließen. Riefe der Ertrinkende abseits der sprachlichen Konvention, aber durchaus innovativ, anstelle des Wortes „ Hilfe“ nach Unterstützung oder gar „Support bitte“ - er würde wohl weiterhin ertrinken.

 

Die abiturrelevante Thematik des Sprachwandels im Zauderrhythmus von Konvention und Innovation fesselte die Schülerinnen, die auch am Tag danach die Beispiele Kellers diskutierten.

Heißt es nun : Im Herbst dieses Jahres oder im Herbst diesen Jahres. Die fehlerhafte Variante: „ Im Herbst diesen Jahres scheint sich durchzusetzen, gleichwohl käme niemand auf die Idee der Fahrer diesen Autos zu sagen.

 

Dreierlei falle auf

 

Seit mehr als zweitausend Jahren ist die Klage über den Verfall der jeweiligen Sprachen literarisch dokumentiert, aber es hat bislang noch nie jemand ein Beispiel einer „verfallenen Sprache“ benennen können.

 

Vom Verfall bedroht ist offenbar immer die jeweils zeitgenössische Version der jeweiligen Sprache. Kein britischer Prinz würde beispielsweise heute darüber klagen, dass das wundervolle Angelsächsisch zu dem völlig gallifizierten Neuenglisch verkommen sei.

 

Sprachkritik sei – und auch das sollte zu denken geben – stets Fremdkritik, Kritik am Sprachgebrauch der anderen. Das vorherrschende Bild sei folgendes: Der gegenwärtige Zustand meiner Sprache ist der korrekte, gute und schöne, und von nun an geht’s rapide bergab. Es vergehe keine Woche, in der nicht ein Leser der Rheinischen Post in einem Leserbrief seine Ängste über die Zukunft der deutschen Sprache zum Ausdruck bringe.

 

Sprachwandel ist kein -verfall

 

Was wir als Sprachverfall wahrnähmen sei der allgegenwärtige Sprachwandel, aus der historischen Froschperspektive betrachtet. Wir beobachten , so Keller, die Sprache punktuell durch ein schmales Zeitfenster und erkennen in diesem begrenzten Ausschnitt notwendigerweise jede Menge Fehler und Barbarismen. Die systematischen Fehler von heute seien mit hoher Wahrscheinlichkeit die neuen Regeln von morgen. Auch in Bezug auf die vermeintliche Bedrohung des deutschen durch fremde Elemente könne man feststellen: „Sie ist geringer als vermutet; und selbst wenn sie erheblich wären, würde dies der Sprache auf lange Sicht weder funktional noch ästhetisch Schaden zufügen. Sprachzustände sind keine Endzustände von Prozessen, sondern transitorische Episoden in einem potenziell unendlichen Prozess kultureller Evolution“.

 

Der Frage einer Schülerin, ob ihre von den Lehrern reklamierten Ausdrucksfehler nicht vielmehr innovative Bemühungen seien, erteilte Prof. Keller allerdings einen bündigen Bescheid, denn die individuellen Ausdrucksfehler seien kaum systematisch im Sinne des Sprachwandels.

„Jede Zeit sagt, dass derzeit die Sprache so gefährdet und von Zersetzung bedroht sei wie nie zuvor. In unserer Zeit aber ist die Sprache tatsächlich so gefährdet und von Zersetzung bedroht wie nie zuvor. [...] Der Journalismus ist schuld, der geschriebene Journalismus und der gesprochene des Radios und des Fernsehens. [...] Die Bildungsexplosion hat beträchtlichen Sprachschaden angerichtet. Und das Schrecklichste an der Bildungsexplosion ist nicht die ständig wachsende Zahl von Schülern und Studenten, sondern die ständig wachsende Zahl von Lehrern und Professoren.“Es sei wichtig zu klären, in welchem Sinne man das Wort Sprache verwende, wenn man über deren Verfall rede; denn dieses Wort wird in unserer Umgangssprache äußerst vieldeutig gebraucht, so Keller. Keller weiter: „ In den Ausdrücken „die Sprache des jungen Goethe“, „die Sprache der Jugendlichen“ und „die deutsche Sprache“ wird „Sprache“ in je verschiedener Bedeutung verwendet. Im ersten Fall meint man einen bestimmten Ideolekt, eben die typischen Besonderheiten des Sprachgebrauchs des jungen Goethe; im zweiten Fall eine bestimmte gruppenspezifische Varietät des Deutschen, einen bestimmten Soziolekt. Sprache im Sinne von Deutsch, Englisch oder Suaheli meint ein bestimmtes System von konventionellen Regeln – phonologischen, syntaktischen und semantischen Konventionen, die gegenwärtig gelten. Da gesellschaftliche Konventionen ständigem Wandel unterliegen und außerdem (beispielsweise) sozial, regional, alters- und möglicherweise geschlechtsspezifisch variieren, ist der Begriff „die deutsche Sprache“ notwendigerweise äußerst unscharf. Aber immerhin gibt es einen harten Kern derselben, sagen wir die Schnittmenge all dieser Varietäten. In einem solchen Sinne ist „Sprache“ wohl gemeint, wenn vom Verfall derselben die Rede ist. Damit ist aber auch klar, dass man Sprache nicht gleichsetzen darf mit bestimmten Äußerungen oder Texten einzelner Personen. Fehlerhafte Äußerungen lassen keine Schlüsse auf den Zustand „der Sprache“ zu – es sei denn, es handelt sich um sehr systematisch und frequent vorkommende Fehler.

 

 

Jede Veränderung einer Konvention beginne notwendigerweise mit deren Übertretung


Damit seien wir , so Keller , an einem Punkt, der ausschlaggebend sein könnte für die verbreitete Ansicht, die Sprache gehe allmählich zugrunde: Jede Veränderung einer Konvention beginne notwendigerweise mit deren Übertretung, und Übertretungen sprachlicher Konventionen nenne man „Fehler“. Wenn der Fehler schließlich zum allgemeinen Usus geworden ist, dann habe er aufgehört, ein Fehler zu sein und eine neue Konvention ist entstanden. Solange das Präteritum des Verbs schrauben noch schrob lautete, machte der, der schraubte sagte, einen Fehler. Heute machen wir alle diesen „Fehler“ und genau deshalb ist es keiner mehr. (Erhalten geblieben ist uns nur noch die starke Form des Partizips von verschrauben in seiner metaphorischen Bedeutung: verschroben.)

Dieses Beispiel mache deutlich, weshalb aufmerksame Sprachbeobachter immer und überall den Eindruck gewinnen müssen, dass ihre Sprache verwahrlost. Wir nehmen den Beginn eines Wandelprozesses wahr, der notwendigerweise eine Regelverletzung darstelle. Unsere Wahrnehmung lässt nach in dem Maße, in dem die anfängliche Regelverletzung zum allgemeinen Usus geworden ist. Denn damit verliere sie jede Auffälligkeit. Sehr deutlich werde dies an orthografischen Regeln: Wer heute vorschlägt, Spaghetti ohne „h“ zu schreiben, riskiert den Vorwurf, die abendländische Kultur zu schänden (wobei er den Plural Spaghettis vermutlich ungestraft bilden darf). Wer aber das englische Wort cakes als Keks schreibe und dies auch noch für eine Singularform hält, macht sich keines Frevels verdächtig. Der Grund für die allgemeine Toleranz den Keksen gegenüber liegt aber ausschließlich darin, dass diese Schreibweise bereits vor 90 Jahren eingeführt wurde und wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben.

 

Welche Phänomene sind es, an denen der Verdacht des Sprachverfalls festgemacht wird? Im Zentrum der Kritik stehen gemeinhin grammatische Fehler, der Gebrauch von Fremdwörtern und neuerdings natürlich auch die Orthografie. („Die Rechtschreibreform ist belanglos angesichts der Verhunzung unserer Sprache durch die Ausbreitung des unsäglichen deutsch-englischen Sprachbreis“ Leserbrief im Spiegel vom 17.04.2000) Betrachten wir einige Beispiele aus diesen drei Bereichen. Beginnen will ich mit einem verbreiteten Argument gegen die neue Orthografie (gegen die man, nebenbei bemerkt, im Detail einiges vorbringen kann).

 

 

Sie wird dazu führen, so ist häufig zu hören, dass die Deutschen demnächst ihre eigenen Klassiker nicht mehr lesen können. Ein Blick in die Originalausgabe von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ von 1774 genügt, um die Absurdität dieser These zu belegen: „am 10. May ... Wenn das liebe Thal um mich dampft ... und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräsgen mir merkwürdig werden. Wenn ich ... die Gestalten all der Würmgen, der Mückgen ... das Wehen der Allliebenden ... Die Kühle des Orts, das hat so was anzügliches, was schauerliches. ... Ich bin ... in Verzükkung ... Ich saß ganz in mahlerische Empfindungen vertieft. ... um weis Brod zu holen, und Zukker. ... theils wegen dem Gegensazze“. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Sie zeigen nur, dass die Vertreter der oben genannten These die Texte unsere Klassiker noch nie in Originalorthografie gesehen haben.

 

Betrachten wir nun drei Beispiele systematischer grammatischer Fehler, die heute zu beobachten sind: Im Herbst diesen Jahres werden wir umziehen. Sätze wie diesen hört man derzeit sehr oft, auch von gebildeten Sprechern. Natürlich sollte es im Herbst dieses Jahres heißen. Warum machen die Leute genau diesen Fehler? Niemand käme schließlich auf die Idee die Hosen diesen Kindes oder der Fahrer diesen Autos zu sagen. Die Erklärung lautet: Es handelt sich um eine Analogiebildung, ein Phänomen, das in der Entwicklung einer Sprache sehr häufig passiert. Es heißt im Herbst letzten, vorigen, nächsten Jahres, also auch im Herbst diesen Jahres. Die semantische Reihenbildung von letzten, vorigen und nächsten verleitet die Sprecher offenbar dazu, das Demonstrativpronomen dieses wie das Adjektiv letztes zu flektieren. Ich habe es bereits angedeutet: Die systematischen Fehler von heute sind die neuen Regeln von morgen. Die folgende Analogiebildung geschah offenbar bereits gestern: Der Genitiv des femininen Substantivs die Nacht heißt bekanntlich der Nacht, auf keinen Fall jedoch des Nachts. Dennoch hat sich des Nachts eingebürgert analog zu den semantisch ähnlichen Ausdrücken des Morgens, des Mittags und des Abends, die allesamt Maskulina sind. Hier ist die Analogieform mittlerweile voll akzeptiert, im Falle von diesen Jahres befindet sich die Sprachkonvention gerade im Umbruch.

 

„Rettet den Kausalsatz“

 

Unser zweiter Fall systematischer Regelabweichung hat sogar zu einer Bürgerinitiative unter dem Kampfruf „Rettet den Kausalsatz“ geführt: Ich muss gehen, weil die Geschäfte machen gleich zu. Auch dieser „Fehler“ ist derzeit weit verbreitet; und auch hier ist zu erwarten, dass er zur akzeptierten Norm werden wird. Welcher Prozess ist hier im Gange? Die Konjunktion weil ist eine subordinierende Konjunktion und sollte deshalb mit Nebensatz-Wortstellung konstruiert werden. Nicht weil die Geschäfte machen gleich zu, sondern weil die Geschäfte gleich zumachen. Ein Blick auf größere historische Zusammenhänge zeigt, dass das Wörtchen weil eine lange und bewegte Geschichte hinter sich hat: Im Mittelhochdeutschen war das Wort wile noch ein Substantiv, das etwa „Zeitdauer“ bedeutete. Daraus entwickelte sich eine Konjunktion weil mit zunächst temporaler Bedeutung. Heirate, weil du jung bist konnte noch Schiller schreiben und damit meinen ‚während du jung bist‘. Die temporale Bedeutung entwickelte sich schließlich zur kausalen Bedeutung, ein Prozess der in vielen Sprachen immer wieder zu beobachten ist, denn die kausale Interpretation einer temporalen Aussage ist oft naheliegend. Die kausale Konjunktion weil ist gegenwärtig im Begriff, zu einer so genannten epistemischen Konjunktion zu werden. Etwas verkürzt lässt sich das so verdeutlichen: Der „neue“ weil-Satz antwortet nicht mehr auf die kausale Frage „Warum ist das so?“, sondern auf die epistemische Frage „Woher weißt Du das?“ Deshalb ist beispielsweise folgender Dialog durchaus sinnvoll:


Ist Peter noch hier? – Nein, der ist schon weg, weil sein Auto steht nicht mehr im Hof.
Der entsprechende Satz mit „korrekter“ Nebensatzwortstellung hingegen wäre nicht ohne weiteres sinnvoll und dürfte deshalb wohl auch kaum vorkommen:


Ist Peter noch hier? – Nein, der ist schon weg, weil sein Auto nicht mehr im Hof steht.
Das Fazit lautet: Auch hier handelt es sich nicht um einen Prozess der Verwahrlosung der Sprache, sondern um eine langfristige Entwicklung eines temporalen Substantivs zu einer temporalen Konjunktion, die schließlich vorübergehend kausale Bedeutung annimmt und nun im Begriff ist, zu einer epistemischen Konjunktion zu werden.

 

 

Zusammenfassung des Vortrags am Gymnasium Marienberg

- gru-